WILHELM FOERSTER STERNWARTE E.V.
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Protokoll der 387. Sitzung der Gruppe Berliner Mondbeobachter



Datum: 9. Oktober 1995

Beginn: 20.00 Uhr Ende: 21.20 Uhr

Es sind erschienen: Die Damen Becker, Pitts, Sävecke, Schmitz, Thom und Wühle sowie die Herren Bock, Dentel, Hensel, Hensler, Voigt und Wenzel

Herr Voigt eröffnet die Sitzung, begrüßt die Teilnehmer und zeigt ein Vollmondbild-Dia, das dem aktuellen Anblick des Mondes an diesem Abend entspricht. Eine darauf folgende Video-Aufzeichnung, einige Stunden nach Vollmond am 30.10.93 aufgenommen, läßt die Form der Maria sehr deutlich erkennen. Die meisten erhielten ihre Namen durch Giovanni Battista Riccioli, der sie 1651 im "Almegastum novum" veröffentlichte. Riccioli war noch Gegner des heliozentrischen Systems, das Kopernikus vertrat.

Die Namen der Maria wurden im Zusammenhang mit dem Glauben gewählt, daß der Mond das irdische Wetter beeinflusse nach dem Schema: Bei zunehmendem Mond ist das Wetter gut, bei abnehmendem Mond ist das Wetter trübe und regnerisch, oder es gibt Gewitter und Sturm. Davon ging Riccioli aus, als er die Namen für die Mondmeere erdachte. Jenen, die bei zunehmender Mondsichel bis zum ersten Viertel sichtbar werden, gab er Namen, die mit schönem Wetter zusammenhängen, z. B. Meer der Ruhe, Meer der Heiterkeit, Meer der Fruchtbarkeit und das Nektarmeer. Die dunklen Flächen, die auf dem abnehmendem Mond vom letzten Viertel an zu sehen sind, erhielten Schlechtwetternamen, wie Regenmeer, Wolkenmeer, Ozean der Stürme oder Meer der Feuchtigkeit (siehe Abbildung).

Die Geschichte der Mondforschung beginnt in einer fernen Vergangenheit, als die Menschen ihren Blick zum Himmel richteten und sich auch Gedanken über das "Licht der Nacht" machten. So drückt es ein Spruch von Lucretius Carus aus, der im ersten vorchristlichen Jahrhundert lebte: "Leuchten kann uns der Mond, weil Strahlen der Sonne ihn treffen; täglich uns auch zuwendend das Licht bei größerem Anwuchs seiner Gestalt je mehr er entweicht der Scheibe der Sonne; bis er im vollsten Glanz ihr gegenüber daherstrahlt; Untergehen sie sieht, indes er erhaben emporsteigt. Ebenso muß er darauf rückwärts entziehen sein Licht uns; Wie er sich nach und nach annähert dem Feuer der Sonne, und den himmlischen Kreis durchrollt von der anderen Seite."

Anschließend zeigt Herr Voigt einen von ihm zusammengestellten Video-Film unter dem Titel "Die Erforschung des Mondes". Der Film wird folgendermaßen kommentiert: Im Altertum schrieb man alle Naturerscheinungen, auf welche die Menschen keinen Einfluß hatten, dem Wirken von Göttern zu. So sah man auch im Mond eine Gottheit, eine weibliche. In der griechischen Mythologie war es die Göttin Selene, deren Darstellung man am Fries des Pergamon-Altars findet. Später war Luna die Mondgöttin in der römischen Mythologie. Von der Beschaffenheit und dem Aufbau der Welt hatte man in der Antike recht unterschiedliche Vorstellungen. Indische Kulturen glaubten, das Festland sei eine Insel, vom Meer umflossen. Ähnlich sah das Weltbild der Babylonier aus. Über der Erdscheibe wölbte sich eine Kristallglocke, an welcher Sonne, Mond und Sterne entlangwanderten. Unterschiedliche Vorstellungen über den Mond gab es bei den griechischen Philosophen. Anaximander glaubte 600 v.Chr., Sonne und Mond wären Löcher in der Himmelskuppel, durch die das himmlische Feuer leuchtet. Anaxagoras glaubte, Sonne und Mond seien glühende Steine, die am Himmel kreisen. Anaximenes glaubte 550 v.Chr. bereits, daß der Mond von der Sonne beleuchtet wird. Aristarch kam der Wahrheit um 280 v.Chr. sehr nahe, die Erde sei eine Kugel und sie kreise um die Sonne. Er wurde nicht ernst genommen und vergessen. Plutarch glaubte bereits, daß das Gesicht im Monde Meere und Länder seien und seine Oberfläche, ähnlich wie die Erde, bewohnt ist. Ptolemäus prägte um 140 n.Chr. das Weltbild, das bis zum Ende des Mittelalters anerkannt war, mit der Erde als ruhender Mittelpunkt der Welt mit den sie umkreisenden Gestirnen. Erst Nikolaus Kopernikus, der in Thorn wirkte, schuf das reale Weltbild. Er setzte die Sonne in den Mittelpunkt des sie umkreisenden Systems der Planeten, und damit war auch die Bahn des Mondes als alleiniger Satellit der Erde festgelegt, womit Kopernikus allerdings in Konflikt mit der Kirche kam. Seine Schrift, erst kurz vor seinem Tode veröffentlicht, wurde auf den Index gesetzt und durfte nicht mehr verbreitet werden. Giordano Bruno, der 1600 auch die kopernikanische Lehre vertrat, mußte dafür auf den Scheiterhaufen, und Galilei wurde 1632 vor das Vatikanische Konzil zitiert und mußte der Lehre abschwören. Sein Ausspruch "Und sie bewegt sich doch!" ist allerdings eine Sage, obgleich er sicher so gedacht hat. Vor 2 Jahren wurde Galilei vom Vatikan rehabilitiert!

Auf die Idee, das Gesicht des Mondes, also die Form der hellen und dunklen Flecken im Bilde festzuhalten, zu zeichnen, kam erst um 1600 der englische Arzt und Naturforscher William Gilbert. Allerdings glaubte er, die hellen Partien wären Meere und die dunklen Festländer. Seine Zeichnung wurde erst 50 Jahre später veröffentlicht, als man schon längst den Mond mit Fernrohren beobachten konnte. Es war Galileo Galilei, der als erster ein selbstgebautes Fernrohr auf den Mond richtete und Krater entdeckte. Das war im Jahre 1610, und damit begann die eigentliche Erforschung des Mondes. Zwei Zeichnungen zeigen diesen entscheidenden Schritt, obgleich sie nur recht undeutliche Darstellungen sind. Aus demselben Jahre stammen auch die Zeichnungen des Engländers Thomas Heriot. Sie sind detailreicher als Galileis Zeichnungen. Die dunklen Flecken, in denen man zu dieser Zeit noch Meere vermutete, entsprechen, zwar noch etwas verzerrt, schon eher der Realität, wie auch die Zeichnung von Christoph Scheiner aus dem Jahre 1613. Alle drei Beobachter verwendeten das sogenannte holländische oder Galileische Fernrohr, bei dem eine Konkavlinse als Okular dient und das nur relativ schwache Vergrößerungen erlaubt. Bessere Bilder und stärkere Vergrößerungen erzielte man mit dem von Johannes Kepler 1611 vorgeschlagenen Fernrohr, bei dem statt der Konkavlinse eine kurzbrennweitige Konvexlinse als Okular dient. Alle weiteren Mondkarten des 17. Jahrhunderts wurden mit dieser Linsenkombination erarbeitet. Die einfache Linse als Objektiv weist jedoch Abbildungsfehler auf, die das zu beobachtende Objekt unscharf erscheinen lassen. Verschiedene Wellenlängen des eintretenden Lichtes werden unterschiedlich stark gebrochen, so daß die Abbildung mit farbigen Rändern umgeben erscheint. Um den Fehler auf ein kleinstmögliches Maß zu reduzieren, mußten sehr lange Brennweiten verwendet werden. Man baute also riesige Fernrohre wie Johann Hevel, ein Brauereibesitzer in Danzig, dessen Freiluftfernrohr eine Länge von 49 m hatte und nur mit vielen Schwierigkeiten auf das Beobachtungsobjekt zu richten war. Von einer Nachführung der täglichen Himmelsbewegung konnte dabei natürlich nicht die Rede sein, so daß der Mond sehr schnell wieder aus dem Gesichtsfeld verschwand. Hevels Mondkarte war die detailreichste dieser Zeit. Hevel hatte nicht nur ein sicheres Auge, sondern auch eine geübte Hand im Zeichnen und Kupferstechen. Er zeichnete 40 Phasen des Mondes. Die Vollmondzeichnung zeigt eine Fülle von Formationen, die auch mit Namen benannt wurden, die auf den Jesuiten von Langreen zurückzuführen sind, dessen Werk Anfang 1645 in Brüssel erschien. Von Langreen bedeckte die Mondoberfläche mit Heiligennamen. Hevel benannte einige Gebiete nach irdischen Landschaften (siehe Abbildung, rechte Seite). Auch diese konnten sich nicht durchsetzen. Als der Jesuit Riccioli 1651 seinen "Neuen Almagast" herausgab, übernahm er diese Namen nicht, sondern benannte die Krater nach hervorragenden, gelehrten Männern, die auch heute noch gültig sind; nur den Namen der heiligen Katharina übernahm er, wie es heißt, aus Anhänglichkeit an eine Frau dieses Namens (Abb. links).

Im astronomischen Fernrohr erscheinen alle Objekte kopfstehend, so daß bei der Betrachtung des Mondes Süden oben und Norden unten ist; daher sind alle Mondzeichnungen so ausgerichtet. Detailreich ist auch eine Mondkarte von Cassini, Direktor der Pariser Sternwarte, die 1680 erschien. Auch diese wurde an einem Luftfernrohr gezeichnet mit den schon beschriebenen Schwierigkeiten.

Mehr als ein Jahrhundert ruhten die selenographischen Arbeiten. Die Fernrohrriesen hatten sich als ungeeignet erwiesen. Erst die Erfindung des Achromaten in der Mitte des 18. Jahrhunderts, welcher kleinere und leistungsfähigere Fernrohre möglich machte, gab der Mondforschung neuen Auftrieb. Alle im 17. Jahrhundert entworfenen Mondkarten hatten einen gemeinsamen Mangel: Die erkennbaren Objekte wurden nach dem Augenmaß eingezeichnet. Nicht einmal die genaue Lage des Mondäquators war bekannt. Die Unvollkommenheit der alten Karten war in der wechselnden Erscheinung des Mondes begründet. Durch seine elliptische Bahn um die Erde und die Abweichung von der Ekliptik sehen wir den Mond sowohl seitlich als auch in der Höhe schwanken, die sogenannte Libration, so daß der Ort der Formationen auf der sichtbaren Mondscheibe nicht genau festliegt. Tobias Mayer, ein Göttinger Astronom und Kartograph, überzieht 1750 den Mond mit einem Koordinatennetz und vermißt 23 Formationen mikrometrisch in Länge und Breite. Damit gelang es ihm, die Lage der Formationen wesentlich genauer festzulegen als seine Vorgänger. Auf dieser Grundlage entstand eine Mondkarte von 35 cm Durchmesser, die zum ersten Male das selenographische Gradnetz zeigt (siehe Abbildung). Sie wurde 1775 von Christoph Lichtenberg aus dem Nachlaß Mayers herausgegeben. Ein volles Jahrhundert hindurch bemühten sich eine Reihe von zumeist Amateurastronomen, möglichst viele Details der Mondoberfläche zu erfassen. Einige sollen hier genannt werden: Johann Hieronymus Schroeter schuf auf 68 Tafeln das Werk "Selenographische Fragmente"; Lohrmann, ein Vermessungsbeamter, zeichnete eine Mondkarte, welche bei einem Durchmesser von 97 cm in 24 Sektionen aufgeteilt ist. Sie wurde nach seinem Tode von Julius Schmidt vollendet; Mädler, ein Lehrer in Berlin, begann 1824 mit der Vermessung von 89 Punkten und bestimmte zahlreiche Berghöhen. Seine Karte hatte einen Durchmesser von 120 cm. Auf dem Wege vom wahrgenommenen Bild im Okular bis zu seiner Fixierung mit dem Zeichenstift können sich auch beim geübtesten Beobachter Fehler einschleichen. Dazu kommt die Schwierigkeit, Geländeformen anschaulich, real zu zeichnen. Bei stärkerer Vergrößerung macht sich die Luftunruhe stark bemerkbar, so daß feine Einzelheiten oft nicht zu erkennen sind. Außerdem stellen sich die Mondformationen bei unterschiedlicher Beleuchtung recht verschieden dar. Der Film zeigt den Krater Kopernikus in 6 verschiedenen Beleuchtungswinkeln und denselben Krater in den unterschiedlichen Darstellungen der Mondzeichner Hevel, Cassini, Mayer, Lohrmann und Philip Fauth, der einer der letzten Zeichner des Mondes war. Von 1884 - 1940 erarbeitete er eine Karte, die den Mond in 24 Sektionen zeigt, mit einem Gesamtdurchmesser von 3,48 m. Eine gewisse Tragik liegt darin, daß die immense Arbeitsleistung Fauths zu einer Zeit aufgebracht wurde, als bereits die Fotografie mit großen Instrumenten einen realeren Eindruck des Formenreichtums der Mondoberfläche bot. Krieger verwendete starke Vergrößerungen dieser Aufnahmen als Grundlage für seinen Mondatlas, der 1912 erschien. Der von Rükl vor kurzem herausgegebene Mondatlas ist ebenfalls auf der Grundlage von Fotografien hergestellt. Mit der CCD-Technik und der Computer-Bildbearbeitung lassen sich noch Einzelheiten von 1 Bogensekunde erkennen. Ein einschneidender Abschnitt der Mondforschung begann mit der Raumfahrt. Ranger9, eine Sonde, die hart auf dem Mond landete, sendete Bilder mit Feinstrukturen im Krater Alphonsus. Am 20.7.1969 landete mit Apollo11 und ihrem Lander `Adler` der erste Mensch auf dem Mond. Es war eine Weltsensation, wie die Schlagzeilen der Zeitungen zeigten. Bis 1972 wurde mit 5 weiteren Landungen Material zur Erde gebracht und auf seine Zusammensetzung untersucht. Es scheint sich daraus zu bestätigen, daß seit der Entstehung des Mondes vor ca.4,5Milliarden Jahren riesige Meteoriten in die Oberfläche des Mondes einschlugen und große Lavaseen, die wir heute als Mare-Ebenen erkennen, entstehen ließen. Auf die gleiche Art sind die ausgedehnten Kraterlandschaften entstanden. Eine 1 mm große Glaskugel, die der Film zeigt, weist einen winzigen 1/10 mm großen Krater auf. Da der Mond eine gebundene Rotation hat, war uns vor der Raumfahrt nur die uns zugekehrte Seite bekannt. Erst mit der Umrundung des Mondes durch Raumsonden konnte ein Bild der Rückseite gewonnen werden. Durch spektrale Untersuchungen des bei den Landungen gesammelten Mondmaterials konnte man auch Schlüsse ziehen, welches Material die Rückseite des Mondes bedeckt. Der Film zeigt eine Falschfarbenaufnahme, auf der eine blaue Färbung titanreiche Gebiete, Grün und Gelb eisen- und magnesiumreiche Basalte kennzeichnet. Eine rote Färbung wird durch Mangel an Titan-Eisen und Magnesium hervorgerufen. Die großen Maria sind nur auf der erdzugewandten Seite zu finden. Der Film schließt mit der Bemerkung, daß wir heute ein recht präzises Bild unseres Erdtrabanten haben und somit die Erforschung des Mondes weit fortgeschritten ist. Die Vorführung der Video-Aufzeichnung wird mit großem Beifall bedacht.

Herr Voigt bedankt sich für die Aufmerksamkeit und die Diskussionsbeiträge und schließt die Sitzung um 21.20 Uhr.

Die nächste Sitzung der GRUPPE BERLINER MONDBEOBACHTER findet statt am Montag, dem 13. November 1995, um 20.00 Uhr im Seminarraum des Planetariums.

gez. Voigt
zt, Tost


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