WILHELM FOERSTER STERNWARTE E.V.
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Protokoll der 393. Sitzung der Gruppe Berliner Mondbeobachter



Datum: 10.Juni 1996

Beginn: 20:00 Uhr Ende: 21:10 Uhr

Es sind erschienen: Die Damen Becker, Pitts, Sävecke, Schmitz und Wühle sowie die Herren Bock, Dentel, Gottschalk, Grzesiak, Hartmann, Laskowski und Tost.

In Vertretung für den im Urlaub befindlichen Herrn Voigt begrüßt Herr Tost die Anwesenden.

Der Abend beginnt traditionell mit einem von Herrn Voigt am 6-Zoll-Refraktor der WFS aufgenommenen Videofilm mit der aktuellen Mondphase, der die wichtigsten Krater und andere Merkmale im Bereich des Mond-Terminators zeigt. Dieser Film ist wie immer von Herrn Voigt sachkundig kommentiert; nach wie vor ist es das Ziel, analog zum Berliner Mondatlas einen "Video-Atlas" des Mondes für jeden einzelnen Tag zu erstellen.

Nach diesem Einstieg geht Herr Tost auf Stereo-Bilder des Mondes ein. Eine wissenschaftliche Anwendung findet sich für Stereobilder in der Bestimmung der Struktur der Mondoberfläche. Anhand von Bildern und Daten der Raumsonde "Clementine" wird die Südpolregion des Mondes gezeigt, die mit herkömmlichen Daten nur bedingt für eine Höhenmessung von Kratern dienen kann. Mithilfe eines sog. DTM (Digital Terrain Model), welches durch Dr. Tony Cook in der DLR angefertigt wurde, kann man erkennen, wieviel detailreicher dasselbe Gebiet mit dieser Methode dargestellt werden kann.

Wie Dr. Hasse bereits in der letzten Sitzung der Mondgruppe angedeutet hatte, kann man mit Bildern des Mondes, die zu verschiedenen Zeiten aufgenommen wurden, aufgrund der Libration des Mondes ein stereoskopisches Bild des Mondes erzielen. Die Libration des Mondes, wonach dieser uns mal ein wenig mehr seiner linken bzw. rechten Hälfte zuwendet, macht plus/minus 10 Grad aus und dieses reicht für einen Stereo-Effekt. Herr Tost zeigt mit dem Stereobetrachter im Seminarraum, das die Bilder 18 und 19 des "Berliner Mondatlas" gerade ein Stereo-Bild des Mondes ergeben. Diese, und auch andere Bilder im Mondatlas liegen mehrere Monate auseinander und der Librationseffekt ist zwischen je zwei benachbarten Bildern mehr oder weniger stark ausgeprägt, ebenso wie der Stereo-Effekt. Herr Dentel deutet an, das evtl. bereits die Bilder des Mondes aus einer einzigen Nacht aufgrund der Parallaxe für einen Stereo-Effekt ausreichen könnten.

Weiterhin wird mit dem Videoprojektor ein Film vom Computer aus projiziert, der den Jupitermond Callisto als drehende 3-D-Kugel zeigt, die als sog. Anaglyphen-Bild dargestellt ist, d.h. das linke bzw. rechte Bild für das Auge wird als Rot- bzw. Grün-Bild dargestellt, wobei die bekannten Rot/Grün-Brillen dem Auge den Stereo-Effekt vermitteln.

Im Anschluß wird kurz über die Explosion der ARIANE-5 gesprochen, die wenige Sekunden nach dem Start aufgrund von unkontrollierten Bewegungen der Steuerdüsen in eine unstabile Fluglage geriet und zerstört werden mußte. Herr Tost kommentiert dazu aus einem älteren Artikel zum Verlust der Venus-Sonde "Mariner I", die aus ähnlichen Gründen am 22.6.1962 zerstört werden mußte. Damals war beim Übertrag einer mathematischen Gleichung in das Computerprogramm ein Term vergessen worden, der eine Mittelwertbildung über die letzten Meßwerte (der Raketengeschwindigkeit) vorschrieb. Durch die fehlende Glättung wurden dem Rechner stark schwankende Geschwindigkeiten der Rakete vorgetäuscht, die dann zu falschen Korrektursignalen führten. Obwohl zum Zeitpunkt der Sitzung noch keine weiteren Einzelheiten zum Unglück vorlagen, deuten doch erste Meldungen auf einen verwandten Fehler hin.

Herr Hartmann zeigt dann allen Anwesenden Fotos, die er zusammen mit Hern Gottschalk auf seiner letzten Italien-Expedition aufgenommen hat. Diese Bilder wurden in einer italienischen Astro-Zeitschrift veröffentlicht, zusammen mit Bildern von einem gemeinsamem Spaghettiessen mit ihren italienischen Kollegen zeigt.

Zum Abschluß zeigt Herr Tost noch einen sog. Hypercard-Stack, in welchem auf einem Macintosh-Computer ähnlich wie mit einer Karteikartensammlung das Sternbild ORION in vielfältiger Weise dargestellt wurde. Dieser "Stack" umfaßt sowohl die Darstellung des Sternbildes in den verschiedenen Kulturkreisen, als auch Detailaufnahmen des Orion und seines berühmten Nebels in den verschiedenen Wellenlängenbereichen von Radio- bis zu Gamma-strahlen. Auch dieser Teil wurde direkt vom Computer über die Videoprojektionsanlage ausgegeben.

Zum Abschluß erwähnt Herr Tost noch, das das Raumschiff "Galileo" sich derzeit auf seiner Annäherung an den Jupitermond "Ganymed" befindet, wo er am 27.6.96 ankommen und hochauflösende Bilder zur Erde liefern wird, wie sie noch nie zu sehen waren. Die Auflösung von ca. 70 m/Pixel ist wesentlich höher als die Bilder der Raumsonden Voyager, die nur etwa einen Kilometer pro Pixel darstellen konnten. Obwohl die ersten Bilder erst für das Monatsende angekündigt sind, sind bereits Bilder aus dem Jupitersystem angekommen, die zwar nur 40 Pixel Durchmesser haben, aber damit bereits jetzt eine höhere Auflösung besitzen als das Hubble-Space-Telescope sie uns liefern kann. Damit handelt es sich um die besten Bilder seit Voyager und gleichzeitig um die ersten Bilder von Galileo aus dem Jupitersystem überhaupt, denn bei dem Einschuß in den Jupiter-Orbit wurden damals aufgrund von Problemen mit dem Bandgerät keine Bilder, sondern nur Meßdaten aufgezeichnet.

Nach diesen Ausführungen erwähnt Herr Tost noch, das das Protokoll dieser Sitzung das erste seiner Art sein wird, welches im WWW (World Wide Web) auf dem Web-Server der WFS veröffentlicht werden wird. Damit wird es in Zukunft möglich sein, die Mondprotokolle per Netzwerk und Computer von allen Ländern der Welt aus "herunterzuladen". Damit kann auch dem Wunsch vieler Institutionen und Einzelpersonen aus aller Welt nach Zusendung des Mondprotokolls auf einfache Weise entsprochen werden. Diese Verschickung konnte bisher aufgrund der hohen Portokosten nicht durchgeführt werden.

Die Web-Adresse lautet: http://www.wfs.be.schule.de/pages/Mondbeobachter/Mondpro393.html .

Die Sitzung wird um 21:10 Uhr geschlossen.

Die nächste Sitzung der GRUPPE BERLINER MONDBEOBACHTER findet am 8.Juli 1996 um 20:00 Uhr im Seminarraum des Planetariums statt.

zt, Tost


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