WILHELM FOERSTER STERNWARTE E.V.
MIT ZEISS-PLANETARIUM BERLIN

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Protokoll der 411. Sitzung der Gruppe Berliner Mondbeobachter



Datum: 11. Mai 1998   
Beginn: 20.00 Uhr       Ende: 21.25 Uhr

Es sind erschienen: Die Damen Becker, Pitts, Schmitz, Sävecke, Thom und Wühle sowie die Herren Bock, Fettkenheuer, Hartmann, Jahn, Tost und Voigt.

Herr Voigt eröffnet die Sitzung, begrüßt die Anwesenden und gibt bekannt, daß in den letzten zwei Monaten wiederum 18 Briefe aus dem Iran eingetroffen sind mit der Bitte um Zusendung unseres Protokolls. Etwas merkwürdig erscheint, daß einige glauben, wir betrieben eine Firma, denn sie bitten um Kataloge von Produkten, die wir herstellen. Einen weiteren Brief erhielten wir von Herrn Matthias Schubert aus Stralsund, der auch im dortigen Planetarium Vorträge hält. Als Beobachter und Zeichner des Mondes interessiert er sich für die Arbeit unserer Mondgruppe. Mit einigen Protokollen, die ich ihm zusandte, wollte ich einen Überblick über die Themen geben, die wir behandeln.

Zum Beginn einer jeden Sitzung wird bei uns der jeweils aktuelle Mond im Video gezeigt. Diesmal war es wieder der Vollmond, der im Januar bereits beschrieben wurde (siehe Protokoll 408). Die Beschreibung der Vollmondphase ist einer Video-Aufstellung von 22 Mondphasen entnommen, die in den Jahren 1993-97 von A. Voigt am 6"-Refraktor der Wilhelm-Foerster-Sternwarte mit einer Hi8-Kamera mittels Okularprojektion aufgenommen wurden. In 150- bis 200facher Vergrößerung bewegt sich der Terminator der jeweiligen Phase durch das Bildfeld. Dazu wird eine Beschreibung der Mondlandschaft gegeben. Bei einem zweiten Durchgang zeigt ein Pfeil auf die Objekte, die namentlich genannt werden. Eine Kopie der VHS-Kassette mit einer Laufzeit von 3 Std. 10 Min. kann erworben werden. Die Daten der Video-Aufzeichnung sind nachfolgend aufgeführt:

Nr.Tage nach
Neumond
Aufnahme
Datum
Lage des
Terminators
Libration
Länge Breite
Bandlage
Std. Min.
013,203.05.95+42 Grad-1,45 +4,640:01
024,517.01.94+23 Grad+2,61 -6,050:08
035,516.02.94+20 Grad-0,94 -3,290:11
046,515.01.97+10 Grad+6,25 -1,520:20
057,516.01.97-04 Grad+6,65 +3,000:29
068,517.01.97-15 Grad+6,73 +4,290:43
079,510.03.95-18 Grad-5,25 +6,710:50
081020.04.94-30 Grad-7,96 +6,611:05
091117.02.97-33 Grad+5,97 +6,801:15
101222.04.94-55 Grad-6,85 +6,601:26
1112,524.03.94-60 Grad-7,16 +6,571:34
121317.10.94-65 Grad+5,30 -5,161:42
1315 Voll30.10.93+82 Grad-1,23 -3,651:51
141710.10.95+65 Grad+0,71 +4,711:57
151803.10.93+52 Grad-2,45 -3,442:09
1619,521.10.97+34 Grad+7,58 +6,582:14
172006.10.93+27 Grad-6,00 +6,002:21
182123.09.97+12 Grad+7,92 +6,842:28
192208.10.93+02 Grad-7,38 +3,372:35
202325.09.97-10 Grad+7,06 +5,992:46
2124,526.09.97-23 Grad+6,16 +5,152:54
222628.09.97-47 Grad+3,72 +2,883:00

Anschließend zeigt Herr Bock einige Dias von der Mondfinsternis am 16.9.1997. Sie zeigen den teilverfinsterten Mond vor der beleuchteten Silhouette Berlins, aufgenommen mit 35 und 135 mm Brennweite auf Agfa Diafilm 200 ASA mit 2 bis 15 s Belichtungszeit. Ein weiteres Dia zeigt in einer Mehrfachbelichtung mit 35 mm Weitwinkel den Verlauf der Finsternis in Abständen von 8 bis 10 Min. Leider erscheint die Aufnahme durch den hellen Berliner Himmel etwas überstrahlt. Weitere Aufnahmen zeigen die Sternwarte mit der neu errichteten Wetterstation, mit Mond und Venus am 23. und 24.3.1998 sowie Mondaufnahmen mit 135 und 300 mm Tele-Objektiv. Den Abschluß bilden einige Schnappschüsse vom Mitarbeitertreffen am 7.2.1998 im Planetarium.

Anschließend ein Blick in die Medien:

Marineris.JPG Nanedi.JPG
Ausschnitt aus Valles MarinerisNanedi-Tal

Zunächst betrifft es den Mars. In einem Wissenschaftsbericht der "Berliner Morgenpost" werden zwei Aufnahmen der Sonde "Global Surveyor" gezeigt. Die kleinsten erkennbaren Details sind nur 6 Meter groß. Das linke Bild zeigt einen Ausschnitt aus dem Valles-Marineris-Canyon. Das Gebiet erinnert stark an den Grand Canyon im Südwesten der USA. Auffällig ist eine dichte Abfolge von Gesteinsschichten unterhalb des glatten Hochplateaus in der Bildmitte. Diese Schichten sind nur wenige Meter dick und zeigen, daß die geologische Geschichte des Mars viel komplizierter verlief als bisher angenommen wurde. Woraus die Ablagerungen bestehen, ist noch unklar. Denkbar ist eine Abfolge von Lavaströmen, denn in der näheren Umgebung gibt es bis zu 25 km hohe Vulkane. Möglich ist auch, daß die Schichten aus Semimentgesteinen, z.B. Sandstein, bestehen.
Das rechte Bild zeigt einen Teil des 18 km langen Nanedi-Tals. Es ist in seinen Ausmaßen mit dem Moseltal im Rheinland vergleichbar und weist eine typische Schleifenform auf, die durch fließendes Wasser entsteht. Vor ca. 3 Milliarden Jahren, als es noch Wasser auf dem Mars gab, wurde dieses Tal von 2,5 km Breite ausgespült. Am oberen Bildrand ist in der Talsohle ein Flußbett von etwa 200m Breite sichtbar.

Viel berichtet wurde auch über das "Marsgesicht", dessen Geheimnis mit neuen Aufnahmen des "Global Surveyor" entschlüsselt wurde. Es handelt sich um eine Gebirgslandschaft, die bei schräger Beleuchtung die Form eines Gesichtes erahnen laßt und seinerzeit Anlaß gab zu Spekulationen über frühe Spuren des Lebens auf dem Mars. Bei senkrechter Beleuchtung ist eindeutig ein Berg mit Rinnen und Graten zu erkennen, die auf natürlichem Wege entstanden sind.

Marsgesicht.GIF

Zurück zum Mond: Die ESA plante das Projekt Euromoon 2000, das inzwischen nach Angabe von Herrn Tost jedoch wieder gestrichen worden sein soll. Eine Ariane IV wollte einen Mond-Orbiter und einen Lander zum Mond befördern. Das Ziel war, einen Südpolkrater zu untersuchen mit einem Miniroboter, der vom Kraterrand aus den 3000 m tiefen Kraterboden untersuchen sollte. Da der Kraterrand ständig von der Sonne beleuchtet wird, wäre dies ein vielversprechender Ort für den Bau einer Raumstation, denn der dauernde Sonnenschein würde die Energieversorgung sichern, und vielleicht könnte auch Wasser im Kraterboden gefunden werden.

Unter dem Titel "Einmal Mond mit Mietauto" schreibt die "Berliner Zeitung" am 27.3.1998 in einem Artikel über Touristenreisen zum Mond in der Zukunft, der wohl nicht so ganz ernst zu nehmen ist: Für das Mietauto am Urlaubsort ist gesorgt; drei Modelle stehen zur Auswahl. Mehr als 18 Stundenkilometer macht zwar keines von ihnen, aber schneller sollte man sich ohnehin nicht fortbewegen, da es weder Straßen noch genaue Karten gibt. An das Spurverhalten des Gefährts muß man sich bei verringerter Schwerkraft sowieso gewöhnen. Auf Eventualitäten in Sachen Mondauto sollte man gefaßt sein. Ganz sicher ist es nicht, ob die drei Buggies, die die Besatzungen von Apollo 15, 16 und 17 auf dem Mond zurückgelassen haben, sofort wieder anspringen werden. Ganz sicher sollte man frische Akkus mitbringen. Der Buggie von Apollo 15 steht links vom Mare Serenitatis, am Fuß des 8800 m hohen Mount Bradley, der Buggie von Apollo 16 etwa 500 km links unterhalb des Mare Tranquillitatis und der von Apollo 17 am rechten Rand des Mare Serenitatis. Beste Temperaturen für Ausflüge und optimales Licht zum Fotografieren sind am frühen Morgen gegeben. Darüber mag der Leser heute vielleicht noch lächeln, doch es gibt durchaus Anhaltspunkte dafür, daß die Freizeitindustrie den Mond in ein bis zwei Jahrzehnten erobert haben dürfte. Das renommierte Reisebüro Thomas Cook nimmt - freilich noch nicht ganz verbindliche - Reservierungen für Mondtouren entgegen, die langfristig gesehen rund 25.000 $ kosten würden, wenig mehr als heute eine mehrmonatige Luxuskreuzfahrt. Empfehlenswert, und das kostet schließlich auch noch etwas, ist ein vorheriger Aufenthalt in einem Trainingscamp oder in einem "Weltraumhotel", wie SuW 5/98 S. 411 berichtet: "Glaubt man Raumfahrtbehörden, Reiseveranstaltern und der Weltraumindustrie, so sollen Ferien im Weltall schon in etwa 20 Jahren möglich sein. NASA-Experten zufolge wird noch vor dem Jahr 2020 eine Raumstation auf dem Mars eröffnet, so daß es dann bereits denkbar wäre, Nicht-Astronauten zu derartigen Flügen mitzunehmen. In Japan gibt es schon jetzt Pläne für ein Weltraumhotel, in den USA wird fieberhaft an einem Stratosphärenflugzeug zur Personenbeförderung gebaut und die Bremer Daimler-Benz Aerospace stellt bereits Detailuntersuchungen über Trägerkonzepte an, die den Anforderungen des Weltraumtourismus gerecht werden."

Im Blatt "Hochschule & Wissenschaft der Berliner Morgenpost" befragte Dipl.-Ing. Sven Abitzsch vom Institut für Luft- und Raumfahrt der TU Berlin in einer Marktstudie 300 Bürger, ob sie grundsätzlich Interesse an einem Flug ins Weltall hätten. 43% der Befragten sagten ja. Bei einer repräsentativen Umfrage in den USA und in Kanada beantworteten 61% die Frage positiv und in Japan 70%. Abitzsch kalkulierte auch ein Finanzierungsmodell. Danach müßte ein Viertel der Entwicklungskosten vom Staat getragen werden. Der größte Teil könnte durch Kredite sowie über Anteilseigner finanziert werden. Für den Anfang rechnet er mit 50 Flügen und 2.500 Passagieren pro Jahr. 30 Jahre später seien 2.000 Flüge und 100.000 Passagiere zu erwarten. Der Reisepreis könnte von anfänglich 169.000 $ auf 48.000 $ gesenkt werden. In der Startphase des Weltraumtourismus wird der Ausflug ins All kaum länger als einen Tag dauern. Die ersten Passagiere werden vor allem den faszinierenden Fernblick auf die Erde genießen und das ungewohnte Gefühl der Schwerelosigkeit im Weltraum am eigenen Leib erfahren. Japanische Wissenschaftlier erstellen bereits erste Studien darüber, wie Raumtransporter und Weltraumhotels für Freizeit-Astronauten aussehen und mit welchem Komfort sie ausgestattet werden könnten.

In einer Sendung des ZDF wird berichtet, daß mit dem Infrarot-Teleskop TEC 2 auf Hawaii der 220 Lichtjahre entfernte Stern HR 4796 im Sternbild Centaurus untersucht wurde. Der erst 10 Millionen Jahre alte Stern ist von einer Staubschicht umgeben, die den dreifachen Durchmesser unseres Sonnensystems aufweist und deren Zentrum leergefegt erscheint. Man nimmt an, daß hier ein Planetensystem ähnlich dem unseren entsteht und gleiche Bedingungen herrschen, die zur Entstehung der Erde führten. Ehe sich allerdings dort intelligentes Leben entwickeln würde, mit dem die Menschheit Kontakt aufnehmen könnte, werde es wohl noch 4 Milliarden Jahre dauern.

Im Anschluß an die Ausführungen von Herrn Voigt präsentiert Herr Tost aktuelle astronomische Kurzberichte:

  • Im Augenblick des Berichtes ist ein Satellit unterwegs zum Mond. Er wurde im Dezember 1997 gestartet und konnte aufgrund eines Fehlers in der vierten Raketenstufe nicht seine geplante Erdumlaufbahn erreichten. Mit dem nun durchgeführten Manöver wird der Satellit um den Mond herum und zur Erde zurückgeführt, um dort eine brauchbare Positition einzunehmen. Dies ist das erste Mal, daß ein Raumkörper einer privaten Organisation bis zum Mond vordringt und dessen Gravitation für kommerzielle Zwecke nutzt.
  • Das "Very Large Telescope" (VLT) der ESO in Chile hat das erste der drei 8,2 m-Spiegelteleskope versuchsweise in Betrieb genommen. Das offizielle "First Light" wird für den 25./26. Mai erwartet. Derzeit wird getestet, ob die adaptive Optik korrekt funktioniert. Die ersten Testaufnahmen haben ein Seeing von 0,5 Bogensekunden ergeben. (www.eso.org/outreach/)
  • Noch eindrucksvoller stellt sich ein Bild dar, welches mit dem ebenfalls erdgebundenen NPOI (Navy Prototype Optical Interferometer) gewonnen wurde. Vor kurzem wurde der Doppelstern "Mizar A" damit optisch getrennt. Diesmal ist es "zeta Orionis". Dessen Begleiter ist nur 0,04 Bogensekunden vom Hauptstern entfernt und konnte bisher nur spektroskopisch nachgewiesen werden. Diese Auflösung übertrifft selbst die des Hubble Space Telescopes. (www.usno.navy.mil/zetorinews.html)

    Herr Voigt weist auf die ILA 98 (Luft- und Raumfahrt-Ausstellung) auf dem Flughafen Schönefeld hin, die vom 18. bis zum 24. Mai besucht werden kann.

    Mit Dank an die Referenten für ihre Beiträge und an die Anwesenden für ihre Aufmerksamkeit wird die Sitzung um 21.25 Uhr beendet.

    Die nächste Sitzung der GRUPPE BERLINER MONDBEOBACHTER findet statt am Montag, dem 8. Juni 1998, um 20 Uhr im Seminarraum des Planetariums.

    gez. Bock, Tost, Voigt, zt


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