WILHELM FOERSTER STERNWARTE E.V.
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Protokoll der 412. Sitzung der Gruppe Berliner Mondbeobachter



Datum: 9. Juni 1998    
Beginn: 20.00 Uhr       Ende: 21.35 Uhr

Es sind erschienen: Die Damen Becker, Jensch, Pitts, Sävecke, Schmitz, Thom und Wühle sowie die Herren Bock, Merrettig, Tost und Voigt.

Herr Voigt eröffnet die Sitzung, begrüßt die Anwesenden und weist auf die Bedeckung des Aldebaran (Alpha Tauri) hin, die sich am 26.6.98 ereignet und die wohl ziemlich schwierig zu beobachten sein wird, denn zwei Tage vor Neumond wird sich die schmale Sichel des Mondes bereits dem Horizont nähern, und die Sonne strahlt hell am Tageshimmel. Die Daten sind folgende: Für Berlin erfolgt der Eintritt um 15.23 Uhr MEZ und der Austritt um 16.07 Uhr. Monduntergang ist um 18.22 Uhr.

Der aktuelle Mond, der anschließend vorgeführt wird, ist 13 Tage alt, und der Terminator liegt bei -65 Grad . Bei dieser Phase sind bereits 96 % der Mondoberfläche beleuchtet. Der Rundblick beginnt am Südrand des Mondes, in den die Strahlen des Tycho weit hineinragen. Die Kraterkette Kirchner, Bettinus und Zucchius liegt am Rande des Bailly, der gerade aus dem Schatten auftaucht. Der langgestreckte Krater Schiller erscheint im Vordergrund und rechts daneben Phocylides und Schickard. In der Bildmitte liegen der Lacus Excellentiae, der See der Vortrefflichkeit, und darüber der Rand des Mare Humorum. Vieta und Byrgius tauchen gerade aus dem Schatten, und Gassendi ist voll beleuchtet. Der Oceanus Procellarum kommt ins Bild mit dem Rand der Ringgebirge Grimaldi und Hevelius. Weiter nördlich liegen der Krater Reiner mit dem hellen Fleck und Kepler mit seinen Strahlen, die sich mit den Strahlen des Aristarch überschneiden. Im Sinus Roris erscheint der Berg Rümker.. Pythagoras taucht gerade aus dem Schatten auf, und Anaxagoras strahlt hell am Nordpol. Noch ein Blick auf die beleuchtete Seite: Einige Krater sind fast unsichtbar geworden, bei anderen leuchten die Kraterränder ringförmig. In den Maria sind viele strahlenförmige Strukturen zu sehen.


Wie bereits in der letzten Sitzung von Herrn Tost angekündigt wurde, zeigt nun eine Video-Reportage die ersten Aufnahmen des VLT. Sie wird wie folgt kommentiert:

Das erste Spiegelteleskop des Projektes der ESO (European Southern Observatory), das "Very Large Teleskop" (VLT), wurde aufgestellt, ein astronomisches Gemeinschaftsunternehmen europäischer Staaten. In Chile auf dem 2.664 m hohen Cerro Paranal, der sich in der Atacama-Wüste, 12 km vor der Pazfikküste erhebt, sollen bis zum Jahr 2000 vier 8,2-m-Spiegelteleskope aufgestellt werden, die, miteinander verbunden, die Leistung eines 16-m-Einzelspiegels erreichen. Jeder Spiegel wird von jeweils 300 Stützen getragen, ist nur 17,5 cm dick und kann mit Hilfe von Computern Abbildungsfehler und Störungen durch Luftturbulenzen automatisch ausgleichen. Das Auflösungsvermögen könnte dadurch dem HST gleichkommen oder auch durch die größere Öffnung diesem überlegen sein. Eine TV-Reportage zeigt einen Bericht von der Aufstellung des ersten Spiegelteleskopes des VLT-Projektes. Die Aufnahmen, die mit dem VLT gewonnen werden, können mittels Satellit vom Auswertezentrum der ESO in Garching empfangen werden, von wo aus auch die Teleskope ferngesteuert werden können.


Sind wir allein im All?   Dies ist eine Frage, welche die Menschheit beschäftigt seit der Bewußtwerdung der ungeheuren Ausdehnung des Weltraums und des Vorhandenseins von Billionen von Sternen ähnlich unserer Sonne. Gibt es Planeten, die ähnliche Bedingungen aufweisen wie die Erde, die zur Entstehung intelligenten Lebens führten? Die Entdeckung eines Planeten, genannt TMR-1C, im Taurus (Sternbild Stier) in der Nähe eines Doppelsterns gab Anlaß zu Schlagzeilen in Presse und Fernsehen, obgleich dieser Planet dreimal so groß wie Jupiter und gasförmig ist und somit keine Lebensbedingungen in unserem Sinne bietet. Der Astronom Stephen Strom von der Universität Massachusetts nannte die Entdeckung einen Meilenstein auf der Suche nach dem Ursprung der Erde. Sie zeige, daß unser Sonnensystem kein kosmischer Unfall oder ein Wunder sei, sondern vielleicht das Ergebnis des Prozesses der Sternenbildung.


Im Anschluß an das Thema der letzten Sitzung ("Ferien im Weltall und auf dem Mond") zeigt Herr Voigt eine Video-Aufzeichnung, in welcher neben einigen Rückblicken auf die Apollo-Flüge zum Mond die Astronauten über ihre Empfindungen berichten, die sie während der Missionen hatten:

Zunächst berichtet Frank Borman, Astronaut von Apollo 8, über die Voraussetzungen, Astronaut zu werden. Die Anforderungen der NASA waren enorm; Universitätsabschluß, fliegerische Ausbildung, viele Flugstunden als Jet- und Testpilot und die Körpergröße waren entscheidend. Nur die Besten der Besten wurden ins Astronautencorps berufen. Von Tausenden wurden jedoch nur 72 ausgewählt. Härtetests bis an die Grenze der Erschöpfung mußten sie bestehen. Alle Systeme und Notfallsituationen mußten sie wie im Schlaf beherrschen. Jim Irwin, Astronaut von Apollo 15, sagte, daß er sich nach dem Ausbildungsdrill später auf dem Mond wie ein Roboter gefühlt und Angst gehabt habe, aufzuwachen und zu begreifen, wo er eigentlich war. Hatten die Astronauten Furcht oder Angst? Eugene Cernan, Astronaut von Apollo 17, sagt dazu: "Ich habe mich nicht wie ein Roboter gefühlt, und Angst hatte ich auch nicht, vielleicht Herzklopfen bei dem Anblick der Erde aus einer Viertelmillion Meilen Entfernung. Für mich ging mit den Mondflügen ein Lebenstraum in Erfüllung. Kein Mensch kann zum Mond fliegen, ohne sich irgendwie zu verändern, nachdem er in einem tiefen Tal mit dem Blick auf den hohen Mons Vitruvius gestanden hat, über dem daumengroß die Erde schwebte, der Planet unserer Existenz. Es war die einzigartigste Herausforderung meines Lebens." Jim Irwin, der gemeinsam mit David Scott während der Apollo-15-Mission mittels eines Mond-Rovers die Mondoberfläche erkundete, sage, er habe auf dem Mond fast körperlich die Nähe Gottes empfunden. Nach seiner Rückkehr nahm er den Abschied und wurde Pfarrer. Alfred Worden, der Kommandant von Apollo 15, sagt: "Keiner ist vom Flug zum Mond so wieder zurückgekommen, wie er von der Erde gegangen ist." Worden, der nach dem Abkoppeln der Landefähre allein in der Kommandokapsel zurückblieb, sagt zu seinen Empfindungen: "Ich hatte das Gefühl grenzenloser Freiheit, allein im Raumschiff zu sein, nachdem Scott und Irwin in die Landekapsel gestiegen waren, denn die Enge war für drei Personen etwas bedrückend." Der letzte Mensch auf dem Mond, Cernan, hält ein Stück Mondgestein in der Hand und sagt dazu: "Wenn wir zurückkommen, wollen wir dies Gestein an alle Länder der Erde weitergeben als Zeichen für das, was wir empfunden haben, daß wir auf der Erde in Frieden und Eintracht leben sollten. Wir sind losgeflogen, den Mond zu erkunden, aber tatsächlich haben wir die Erde entdeckt; das haben alle so empfunden. Die Erde ist einfach zu schön, als daß sie durch Zufall entstanden sein könnte. Es ist uns ein Juwel gegeben, ein Stern im All, der uns anvertraut ist. Könnte ich alle Menschen mit zum Mond nehmen, glaube ich, daß auch sie verwandelt würden und jeder als ein anderer Mensch zurückkehrte." Nach ihrem Mondflug ging die Ehe bei fast allen Astronauten in die Brüche. Manche wurden sogar zwei- und dreimal geschieden. Warum?


Anschließend zeigt eine Video-Reportage einige Eindrücke von der ILA 98 (Internationale Luft- und Raumfahrt-Ausstellung), die vom 18. bis 24.5.1998 in Berlin-Schönefeld stattfand. Neben einer Vielzahl von Flugzeugen und Luftschiffen werden Modelle der Internationalen Raumstation vorgestellt, die im Jahre 2003 funktionsfähig sein soll und die MIR ablösen wird. Von den USA wird das Wohnmodul geliefert mit den Schlafgelegenheiten, die an den Wänden aufgehängt sind, was in der Schwerelosigkeit ja keine Rolle spielt. Eine Dusche wurde eingebaut, obgleich ihre Funktion in der Schwerelosigkeit etwas problematisch ist. Die Möglichkeit einer Telekommunikation mit der Familie ist auch vorgesehen. Das Columbus-Modul ist Europas Beitrag. Es ist für wissenschaftliche Experimente vorgesehen, die Biologie, Materialwissenschaften, Medizin, Erdbeobachtung und Technologie betreffen.
Eine Marslandschaft gibt einen Rückblick auf die Pathfinder-Mission und den Vorausblick auf die Entwicklung eines Mars-Rovers, der in der Lage ist, mit Hilfe eines Penetrometers den Marsboden bis in einige Meter Tiefe zu erforschen. In einem Interview mit Jesko von Puttkamer wird die Möglichkeit der Landung erster Menschen für das Jahr 2020 für wahrscheinlich gehalten. Inzwischen müßten jedoch neue Lebenserhaltungssysteme entwickelt werden, um ein Überleben der Raumfahrer auch nach der Landung zu sichern.


Darauf erhält Herr Tost das Wort und präsentiert aktuelle astronomische Kurzberichte

  • Die Raumsonde SOHO (Solar and Heliosperic Observatory) hat am 1. und 2. Juni beobachtet, wie zwei Kometen in die Sonne gestürzt sind und sich kurz danach eine riesige Eruption bildete, die aber mit diesem Ereignis nicht in Zusammenhang stehen dürfte. Die Raumsonde hat schon mehrere Kometen in die Sonne stürzen sehen, aber noch nie so kurz hintereinander. (http://umbra.nascom.nasa.gov/comets/SOHO_sungrazers.html)
  • In Südafrika wird ein neues Riesenteleskop gebaut. Für etwa 30 Millionen DM entsteht ein weiteres 9,2 m Hobby-Eberly Teleskop, wie es bereits am McDonald Observatorium existiert. Das Teleskop wird den Namen SALT (Southern African Large Telescope) tragen.
  • Die Raumsonde NEAR (Near Earth Asteroid Redezvous), die auf ihrem Weg zu einer Umlaufbahn um den Asteroiden (433) Eros ist, wurde am 1.4.98 aus einer Entfernung von 33 Millionen km von Australien aus fotografiert. Dies ist ein "Entfernungsrekord" für die Beobachtung eines künstlichen Raumflugkörpers. Die alte Bestmarke betrug 8 Millionen km, in der 1992 die Raumsonde Galileo ausgemacht werden konnte. (http://usrwww.mpx.com.au/~gjg/near2.htm)
  • Mit dem 2dF (2 degree Field) -Instrument am Anglo-Australian Telescope in Siding Spring, Australien wurden jetzt überraschend einige Objekte, die man für Sterne unserer Milchstraße hielt, als sogenannte "Blaue Galaxien" identifiziert. Sie liegen zwischen 0,5 und 2 Milliarden Lichtjahren entfernt und sind meist nur 10.000 Lichtjahre groß. Nun geht man davon aus, das sich bis zu 200.000 solcher Galaxien in unserer unmittelbaren Nachbarschaft befinden könnten.
  • Eine Aufnahme des Mars Global Surveyor vom 1.6.98 mit einer Auflösung von etwa 12 Metern pro Pixel zeigt deutlich einen jungen Krater mit dunklem Auswurfmaterial auf dem Mars. Offensichtlich ist hier bei einem Meteoriteneinschlag das dunkle Material aus dem tiefer liegenden Marsboden nach außen geschleudert worden. Der Krater muß sehr jung sein, denn er ist noch nicht von dem ansonsten helleren Marsstaub überdeckt worden. Da der dunkle Fleck bereits auf einer Aufnahme des Viking 1 -Orbiters von 1980 zu sehen ist, ist der Krater auf jeden Fall älter als 18 Jahre.


    Zum Abschluß rezensiert Herr Voigt zwei Bücher astronomischen Inhalts, die im Kosmos-Verlag neu erschienen sind:

    1. "Was tut sich am Himmel 1998/99?" von Hermann Michael Hahn (ISBN 3-440-07569-9)
    Dieses Buch richtet sich an alle, die mehr über das Wie und das Warum der kosmischen Abläufe um uns herum wissen möchten. Einprägsame Graphiken machen das Geschehen am Himmel deutlich. Sie zeigen den Sonnenlauf mit seinen wechselnden Mittagshöhen, die täglich wechselnden Mondphasen und auch die Stellungen der Planeten und die Zeiten ihrer Sichtbarkeit. Wie sich der Anblick des abendlichen Himmels im Laufe des Jahres verändert, demonstrieren die Monats-sternkarten. Sie zeigen den Ausschnitt des Himmels, der jeweils zur angegebenen Beobachtungszeit zu sehen ist. Außerdem gibt es eine Vorschau auf die totale Sonnenfinsternis am 11.8.1999 in Süddeutschland mit dem genauen Verlauf der Totalitätszone. Stern-Bedeckungen (Aldebaran) sind datenmäßig angegeben. Die Bewegung der Jupitermonde werden in Graphiken gezeigt, und einige Aufnahmen der Sonde Galileo sind in hoher Qualität zu sehen. Dieses Kosmos-Buch im Taschenformat hat den Vorteil, daß man es jederzeit mit sich tragen kann, und kostet nur DM 12,80.

    2 . "Raumsonde Galileo" von Dirk H. Lorenzen (ISBN 3-44007557-5); DM 24,80
    Dieses Buch der Reihe "Kosmos-Report" beschreibt den Weg der Sonde Galileo und die faszinierenden Ergebnisse der Mission mit vielen eindrucksvollen Bildern, beginnend mit dem Start am 18.10.1989 über den Vorbeiflug an der Venus am 10.2.1990 und ein Swing-by-Manöver an der Erde am 8.12.1990. Weiterhin wird behandelt der Vorbeiflug am Asteroiden Gaspra am 29.10.1991 und ein weiteres Swing-by-Manöver am 8.12.1990 an der Erde, wobei die notwendige Geschwindigkeit zum Erreichen des Jupiters erzielt wurde. Am 28.8.1993 ergab sich der Vorbeiflug am Asteroiden Ida, und am 13.7.1995 wurde die Atmosphärenkapsel abgekoppelt, die dann am 7.12.1995 in die Jupiteratmosphäre eindringt, um deren Zusammensetzung zu messen. Galileo schwenkt in eine Umlaufbahn um Jupiter ein und übermittelt eindrucksvolleAufnahmen von seinen Monden Io, Ganymed, Kallisto und Europa. Sehr gut beschrieben sind die Bemühungen der Raumfahrt-Techniker der NASA, welche die Hauptantenne nicht öffnen konnten, und der Ausweg der Benutzung der Hilfsantennen und eines Recorders, der die Daten speicherte, der jedoch auch zeitweise blockiert war. Die Galileo-Mission ist aber noch längst nicht zu Ende. Nach dem allgemeinen Überblick über Planet, Ringe und Monde stehen noch spektakuläre Nahbeobachtungen der Monde an. Von der ersten Konzeption bis zum Start der Jupiter-Sonde vergingen 12 Jahre - die endgültige Bearbeitung und Auswertung der Daten dürfte ähnlich lange Zeit in Anspruch nehmen.


    Mit Dank an Herrn Tost für seinen Beitrag und an die Anwesenden für ihre Aufmerksamkeit und mit guten Wünschen für eine schöne Ferienzeit wird die Sitzung um 21.35 Uhr beendet.

    Die nächste Sitzung der GRUPPE BERLINER MONDBEOBACHTER findet statt am
    Montag, dem 14. September 1998, um 20 Uhr im Seminarraum des Planetariums.

    gez. Tost, Voigt, zt


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