WILHELM FOERSTER STERNWARTE E.V.
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Protokoll der 419. Sitzung der Gruppe Berliner Mondbeobachter



Datum: 10. Mai 1999    
Beginn: 20.00 Uhr       Ende: 21.30 Uhr

Es sind erschienen: Die Damen Becker, Pitts, Sävecke, Schmitz und Thom sowie die Herren Bock, Fettkenheuer, Jahn, Merrettig, Tost und Voigt.

Herr Voigt eröffnet die Sitzung, begrüßt die Teilnehmer und gibt bekannt, daß 6 weitere Briefe aus dem Iran eingetroffen sind. Neben der üblichen Bitte um Zusendung des Protokolls der Mondgruppe enthält einer der Briefe, von einem jungen Iraner namens Javad Khodadian, zusätzlich eine Anleitung zur Selbsterkenntnis und Stärkung der eigenen Persönlichkeit mit Hilfe von täglichen Vorsätzen wie: "Ich will das Talent meines Wesens von der besten Seite nutzen" oder "Ich will mit aller Kraft die Türen des Erfolges öffnen, um das Optimum zu erreichen". Der junge Mann hofft dadurch unsere Kreativität zu stärken.

Wie zu Beginn einer jeden Sitzung wird der Mond in der Phase gezeigt, wie er heute morgen, 24 Tage nach Neumond, am Himmel stand. Der Terminator liegt bei -23 Grad, und der Rundblick beginnt am Südrand mit dem Ringgebirge Scheiner und dem langgestreckten Krater Schiller. Darunter liegen die Krater Mee und Heinzel. Noch etwas schemenhaft erscheinen am Mondrand Schickard und Phocylides. Das Mare Humorum, das Meer der Feuchtigkeit, kommt ins Bildfeld und darüber der Lacus Excellentiae, der See der Vortrefflichkeit. Östlich davon liegt der Palus Epidemiarum, der Sumpf der Seuchen. Am Nordrand des Mare Humorum liegt das Ringgebirge Gassendi, sehr plastisch mit vielen Innenstrukturen. Richtung Norden erscheint der Oceanus Procellarum, das Meer der Stürme, begrenzt vom Riphäen-Gebirge. Am Westrand liegt Grimaldi mit dem sehr dunklen Kraterinneren. Dann sieht man Kepler mit seinen Strahlen, die sich mit denen von Aristarch überschneiden, der sehr hell leuchtet. Zwischen Aristarch und Herodot schlängelt sich das Schrötertal mit dem Krobrahaupt. Weiter nördlich erscheinen der Sinus Roris, die Bucht des Taues, und der Sinus Iridum, die Regenbogenbucht, mit den Caps Laplace und Heraclid. Dann wird der nördliche Rand sichtbar mit den Kratern Philolaus und J. Herschel.


Anschließend berichtet Herr Voigt über eine Beobachtung, die Herr Vogeno in Köln mit einem Dobson 8"-Teleskop im Mai 1998 machte. Dieser schreibt dazu: "Ich entdeckte ein seltsames Objekt auf dem Mond, eine mächtige Erhebung inmitten eines Kraters, die sich in ihrer Höhe und Masse gewaltig von den uns bekannten typischen Zentralbergen unterscheidet, gleich einer 'Steinsäule'". Sichtbar soll das Objekt bei Halbmond zwischen 40 Grad und 50 Grad nördlicher Breite sein, jenseits des auslaufenden Kaukasus-Gebirges zwischen den Kratern Aristoteles und Eudoxus. Es wurde von einer Reihe von Mondbeobachtern in Köln beobachtet. Herr Vogeno bittet uns, das Objekt zu beobachten und zu bestätigen. Auf den entsprechenden Phasen des Berliner Mondatlas ist das Objekt nicht zu entdecken.


Anschließend zeigt Herr Tost eine Aufnahme des Mondes in der Phase 24,5 Tage nach Neumond, aufgenommen an der Europäischen Südsternwarte in La Silla mit einem 2,2-m-Teleskop am 15.1.99. Gegenüber unseren Fotos und Videos zeigt diese Aufnahme ein phantastisches Auflösungsvermögen und eine Schärfe, wie sie bei unseren Luftverhältnissen und Teleskop-Öffnungen nicht zu erreichen ist. Eine weitere Aufnahme zeigt den Jupitermond Io, aufgenommen mit dem Hubble-Space-Telescope am 21.4.99. Sie zeigt Io, wie sie an Jupiter vorüberzieht und ihren Schatten auf seine Oberfläche wirft. Eine Nahaufnahme läßt auf Io den Ausbruch des Vulkans Pillan erkennen, dessen Schwefelgase emporsteigen (siehe SuW 6-7/99, S. 528).

Hubble fotografierte auch die Oberfläche des Erdmondes, und die Aufnahme wird wie folgt kommentiert: Anstatt in das ferne Universum zu blicken, richtete sich das Hubble-Space-Telescope auf den Mond und fotografierte den 93 km großen Einschlagskrater Copernicus. Der Grund für diese Aufnahmen war, die Farben des reflektierten Sonnenlichts zu messen, denn das HST darf nicht in die Sonne sehen, da ihre Helligkeit zu groß ist. So wurde der Space Telescope Imaging Spectrograph (STIS) auf verschiedene Teile des Mondes gerichtet, um sowohl das absorbierte wie auch das reflektierte Sonnenlicht zu messen. Um den nahen Mond mit der Wide Field Planetary Camera aufnehmen zu können, mußte ein Mosaik von 130 Bildern belichtet werden. Das Vollmondbild, aufgenommen vom Lick Observatory, zeigt den Ausschnitt, den das HST aufnahm. Das Mittelbild zeigt das Staubmuster hellen Materials, das beim Einschlag eines 1,5 km großen Asteroids vor mehr als einer Milliarde Jahren ausgeworfen wurde. Hubble kann 200 m große Einzelheiten am Rande des äußeren Kraterringes auflösen sowie dessen Staubmassen zeigen, die ihn umgeben. Das Bild unten rechts ist eine Nahaufnahme der Randterrassen des Copernicus mit einer Auflösung von 80 m.

Wann wurde die Oberfläche des Mondes erstmalig im Bilde festgehalten? - Bisher glaubte man, daß die älteste graphische Darstellung der Mondoberfläche von einer Zeichnung von Leonardo da Vinci aus dem Jahre 1505 stammt. Nun fand Dr. Philip Stooke von der University of Western Ontario, der sich mit Mondkarten beschäftigt, in Berichten von Ausgrabungen aus der Jungsteinzeit in Irland eine Gravierung auf einem Grabstein welche die Formen der Mondoberfläche darstellt. Der Stein, der über 5.000 Jahre alt ist, müßte demnach die älteste bisher bekannte Darstellung der Formen der Maria auf dem Monde sein.

Anschließend berichtet Herr Voigt über neueste Forschungsergebnisse der Sonde Lunar Prospector, die Herr Tost über das Internet erhielt:
Die Daten des Lunar Prospector scheinen die Theorie zu bestätigen, daß der Mond sich aus der Masse gebildet hat, die bei einer Kollision der Erde mit einem Körper in Marsgröße hinausgeschleudert wurde, denn der Mond hat einen zu kleinen Kern. Wissenschaftler präsentieren dieses Ergebnis und weitere Erkenntnisse während ihrer 30. Mond- und Planeten-Konferenz in Houston, Texas. Sie zeigen, daß der Kern des Mondes weniger als 4% der Mondmasse beträgt. Vergleiche der Mineralzusammensetzung von Erde und Mond zeigen eine ähnliche Zusammensetzung. Wären Erde und Mond, nach einer zweiten Theorie, aus der gleichen Wolke des Urmaterials entstanden, müßte der Mond einen gleich großen Kern haben wie die Erde. Eine dritte Theorie nimmt an, daß der Mond komplett von der Erdgravitation eingefangen wurde. Dr. Alan Binder vom Lunar Research Institute meint, daß die erste Theorie, die seit Apollo-Zeiten favorisiert wird, die wahrscheinlichste ist, daß der Impakt des marsgroßen Körpers erst nach der Formung des Erdkerns geschah und nur das abgesprengte Gesteinsmaterial den Mond formte. Weitere Analysen der Lunar Prospector-Daten konnten verbessert werden, wie die genaue Größe des Mondkerns, und die Anteile der Elemente wie Gold, Platin und Iridium im Mondgestein konnten bestimmt werden in Verbindung mit metallischem Eisen. Diese Daten könnten viel dazu beitragen, das Einschlagsmodell sicherer zu machen als die anderen Theorien. Die derzeitigen Daten, welche von Dr. Alex Konopliv vom Jet Propulsion Laboratory, Pasadena, kommen, besagen, daß der Mondkerndurchmesser 220 bis 450 km beträgt. Dieses Resultat basiert auf unabhängigen Magnet-Messungen, welche einen Kerndurchmesser zwischen 300 und 450 km als wahrscheinlich ansehen lassen.
Weitere Ergebnisse anhand der Daten des Lunar Prospector waren große Magnetfelder in der Kruste der südlichen Rückseite des Mondes. Sie liegen gegenüber den Maria Crisium, Serenitatis und Imbrium. Diese Messungen deuten auf starke magnetische Konzentrationen auf jener Seite des Mondes, die den großen Impakt-Bassins gegenüberliegen. Das Spectrometer-Team empfing gute Daten für das Vorhandensein von Thorium in einem Gebiet, das auch reich an ähnlichen Elementen ist und das mit einer Auflösung von 60 km kartiert wurde. Diese Elemente befinden sich rund um die Krater, was darauf schließen läßt, daß sie von Asteroiden- und Kometen-Einschlägen stammen und nicht aus vulkanischer Aktivität..

Lunar Prospector umrundete den Mond in 100 km Höhe für ein Jahr und wurde im Dezember 1998 auf 24 bis 37 km abgesenkt. Die Analysen des niedrigeren Orbits versprechen bessere wissenschaftliche Erkenntnisse über die Evolution der Formen und die physikalische Zusammensetzung der Oberfläche des Mondes.

Eine weitere e-mail aus Los Alamos vom 16.3.99 führt aus: Die Lunar-Prospector-Mission fand großen Beifall mit ihren Messungen von Wassereis an den Polen des Mondes, aber ebenfalls wichtig war die genaue Kartierung der gesamten Mondoberfläche. David Lawrence vom Los Alamos National Laboratory beschreibt einige neueste Ergebnisse: Wir haben alle Thorium-Hot-Spots herausgesucht und festgestellt, daß sie mit einigen Kratern übereinstimmen. Einst war der Mond heiß und geschmolzen, und die abgekühlten schweren Mineralien sanken hinab und formten den Kern, während die leichteren die Oberfläche bildeten. Aus diesen Materialien besteht die Kruste: aus Kalium, Phosphor und seltenen Erd-Elementen. Prozesse wie Vulkanismus oder tiefe Impakte beförderten Krustenmaterial an die Oberfläche. Thorium strahlt Gamma-Strahlen aus mit unterschiedlicher Energie. Eine Los-Alamos-Gruppe baute das Lunar Prospector Gamma-Strahlen-Spektrometer, das die Intensität der Strahlen während des Umlaufs mißt. Die Messungen zeigen, daß die Mondentstehung eine komplizierte Geschichte hat. Thorium-Ausstrahlungen um das Mare Imbrium vermitteln seine Geschichte. Es entstand durch Auswürfe, die auf einen Einschlag zurückzuführen sind. Als Gegenstück zeigt das am Südpol gelegene Aitkin-Bassin viel weniger thoriumreiches Material, obgleich es der größte Einschlagskrater des Sonnensystems ist. Der Impakt war stark genug, um die Kruste bis zum Mantel zu durchdringen, doch wurde nicht viel thoriumreiches Material gefördert. Weitere Messungen werden mit den Neutronen- und Alphateilchen-Spektrometern durchgeführt, jedoch liegen noch keine Ergebnisse vor.


Wieder einmal war der Einfluß des Mondes auf die Menschen ein Thema in den Medien: Die BZ (Berliner Zeitung) schreibt, daß die Neumond-Nacht die beste Zeit ist, Entschlüsse zu fassen und Vorsätze in die Tat umzusetzen, wie eine Diät zu beginnen, mit dem Rauchen aufzuhören, eine verlorene Liebe zurückzuerobern. Die Entgiftungsbereitschaft des Körpers ist bei Neumond am höchsten. Aktivität, Optimimus und Kreativität sind voll entwickelt. - In einem Beitrag des Senders Freies Berlin (SFB) werden die negativen Einflüsse des Vollmondes beschrieben: Der Körper ist übersäuert, leidet an Vitalstoffmangel und ist krankheitsanfällig. Der Mensch ist aggressiv und leidet an Schlafstörungen.
Eine Umfrage zeigt jedoch, daß keiner der Teilnehmer unserer Mondgruppe diese Einflüsse bisher beobachtet hat. Warum wird immer wieder darüber gesprochen?


Zum Abschluß rezensiert Herr Voigt einige neu erschienene Bücher:
Wie bereits im Protokoll Nr. 417 vom Januar 1999 berichtet, ist der Hatfield Photographic Lunar Atlas im Springer-Verlag erschienen. Von Herrn Tost wurde uns ein Exemplar zur Besprechung zur Verfügung gestellt. Aufgeteilt in 16 Sektionen, wird der Mond zunächst in einer Zeichnung dargestellt, auf der die Namen der Maria, Gebirge und Krater eingetragen sind. Daran schließen sich 4 Fotografien an, welche die jeweilige Sektion in verschiedenen Beleuchtungsphasen zeigen, sowie 2 weitere Ausschnittsvergrößerungen von besonders interessanten Gebieten. Durch diese Anordnung wird sichtbar, wie unterschiedlich die einzelnen Formationen in verschiedenen Beleuchtungswinkeln erscheinen. Die Fotos wurden in den Jahren 1965 bis 67 mit einem 30-cm-Newton-Teleskop von Henry Hatfield aufgenommen. Mit Hilfe eines alphabetischen Verzeichnisses läßt sich jedes gewünschte Objekt leicht auffinden. Die Bildqualität entspricht ungefähr der des BERLINER MOND-ATLAS. ISBN 1-85233-018-X, Springer-Verlag (Text in Englisch), DM 69,--

Was tut sich am Himmel? von Hermann-Michael Hahn (ISBN 3-440-17722-5, Kosmos-Verlag, DM 12,80)
Wer den nächtlichen Sternenhimmel beobachten, aber keine umfangreichen Tabellen studieren möchte, ist mit diesem Buch gut beraten. Anschauliche Grafiken vermitteln auf einen Blick eine rasche Übersicht über das, was mit bloßem Auge oder einem Fernglas am Himmel zu sehen ist. Kurze einführende Texte, z.B. zur totalen Mondfinsternis am 21.1.2000 oder zur Begegnung der beiden Riesenplaneten Jupiter und Saturn im Frühjahr 2000, vertiefen das astronomische Grundwissen. Neueste Erkenntnisse über den Mars, unseren roten Nachbarplaneten, oder die Erläuterung aktueller Fragen, z.B. "Wann beginnt das 3. Jahrtausend?", vermitteln ein Gespür für kosmische Zusammenhänge.

Geburt und Tod der Sterne von Silvia von der Weiden (Kosmos-Report, ISBN 3-440-06894-3, DM 24,80)
Die Erde und alles Leben, das auf ihr entstand, erwuchs aus der erkalteten Asche ausgebrannter Sterne. Ohne die Explosion vor Urzeiten vergangener Himmelskörper also gäbe es nicht die Wunder unserer Natur, gäbe es auch uns nicht: Wir und alles, was um uns ist, bestehen aus "recyceltem Sternstaub", wobei unsere Geschichte damit weit vor die Entstehung der Sonne zurückreicht. Und die Sonne ist sowohl in der Geschichte des Universums als auch in ihrer gesamten Ausdehnung ein vergleichsweise "unauffälliger" Stern, einer von vielen, um den außer der Erde weitere Planeten kreisen in einem All, in dem bei weitem nicht alles sichtbar und "stofflich" ist. Vielmehr häufen sich die Indizien, daß die Mehrheit der Materie nicht in Gestalt leuchtender Sterne existiert. Die Teleskope der Astronomen reichen heute tief in den Kosmos. Sie liefern uns einen Einblick in die neuesten Erkenntnisse über Geburt, Leben und Tod des Universums, in eine Dimension, in der sich die Zeit der Ewigkeit nähert.

Geheimnisvolle Schattenwelt, Dunkle Materie im All von Thomas Bührke (Kosmos-Report, ISBN 3-440-07026-3, DM 24,80)
Sind die ungeheuren Galaxien des Kosmos nicht mehr als sichtbare Schaumkronen auf einem ungleich gigantischeren Meer vollkommen unsichtbarer Materie? Die Hypothese einer sogenannten "Dunklen Materie", aus der theoretisch über 90% der festen Körper unseres Weltalls bestehen könnten, hat vieles für sich: Die Gravitationskräfte etwa von Galaxienhaufen sind ungleich stärker wirksam, als sie aufgrund ihrer sichtbaren Gas- und Sternen-Gehalte sein dürften. Das könnte bedeuten, daß sie mehr Masse als wahrnehmbar umfassen. Eine andere Spur leitet sich aus dem merkwürdig gleichförmig im All verteilten Urgas ab. Die nach dem wahrscheinlichen Urknall entstandenen Galaxien konnten nur infolge unsichtbarer Schwerkräfte zusammenhalten - eben aufgrund "Dunkler Materie". Sieht also die astronomische Forschung im Grund nur die Spitze eines Eisbergs, über dessen wahre Gesetzmäßigkeiten und Beschaffenheit sie gegenwärtig noch gar keine Aussagen treffen kann? Das Buch bietet eine hervorragend klare, spannende und auf jeden komplizierten theoretischen Ballast verzichtende Zusammenfassung der astronomischen Diskussion des Jahrhunderts: Sind über 90 % aller Materie im All unsichtbar?


Herr Voigt dankt Herrn Tost für seinen Beitrag und allen Anwesenden für ihre Aufmerksamkeit und Diskussionsbeiträge und schließt die Sitzung um 21.30 Uhr.

Die nächste Sitzung der GRUPPE BERLINER MONDBEOBACHTER findet statt am
Montag, dem 14. Juni 1999, um 20 Uhr im Seminarraum des Planetariums.

 

gez. Tost, Voigt, zt


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