WILHELM FOERSTER STERNWARTE E.V.
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Protokoll der 432. Sitzung der Gruppe Berliner Mondbeobachter



Datum: 11. September 2000    
Beginn: 20.00 Uhr       Ende: 21.25 Uhr

Es sind erschienen: Die Damen Becker, Sävecke, Schmitz und Wühle sowie die Herren Merrettig, Remt, Sandig, Tost und Voigt.


Herr Voigt eröffnet die Sitzung, begrüßt die Anwesenden und gibt bekannt, dass ein Herr Soja, Autor eines Buches mit astronomischem Inhalt, mit der Bitte an uns herangetreten ist, Bilder aus dem Berliner Mond-Atlas in seinem Werk abbilden zu dürfen. Die Sternwarte und der Autor haben dafür ihre Genehmigung erteilt.


Berliner Mond-Atlas
Blatt 16
Mond-Alter: 11,9 Tage

Anschließend wird der Mond gezeigt in der Phase, wie er heute am Himmel steht. 12,5 Tage nach Neumond liegt der Terminator bei -60 Grad. Die Übersicht beginnt auf der kraterreichen Südseite mit Kircher, Bettinus und Zucchius. Darunter sieht man den langgestreckten Schiller und am Terminator die Ringgebirge Phocylides und Nasmith sowie Schickard und weiter nördlich den Lacus Excellentiae und das Mare Humorum mit den Kratern Gassendi und Mersenius. Am Terminator tauchen die Randgebirge des Grimaldi aus dem Schatten. Besonders plastisch erscheinen Billy und Hansteen. Im Oceanus Procellarum leuchtet der Kepler mit seinen Strahlen, die sich bis zu Reiner und Marius erstrecken und sich weiter nördlich vereinigen mit den Strahlen des Aristarch, des hellsten Objekts auf dem Mond; gemeinsam mit Herodot und dem Schrötertal bildet Aristarch eine der interessantesten Strukturen auf dem Mond. Weiter nördlich erscheint am Rande des Terminators der Berg Rümker, am Sinus Roris gelegen. Es handelt sich um einen sehr interessanten Komplex von Lunar Domes mit einem Durchmesser von 70 km, benannt nach dem Astronomen und Direktor der Hamburger Seefahrtsschule Karl Rümker, der von 1788 - 1862 lebte. Eine Aufnahme der Universität von Arizona zeigt eindrucksvoll die Geländestruktur (siehe Abb. 1). Weiter nördlich liegt der Sinus Iridum mit den Kratern Mairan, Sharp und Bianchini. Am Terminator lassen sich sehr plastisch die großen Ringgebirge Babbage, Pythagoras, J. Herschel und Carpenter sehen. Am Nordpolgebiet überlappen sich die großen Ringgebirge Anaximenes, Philolaus und Goldschmidt mit dem Strahlenkrater Anaxagoras. Damit endet der Rundblick.


Der Direktor der BAA Lunar Section, Allan E. Wells, schreibt in der Juni-Ausgabe des Lunar Section Circular, er würde es sehr begrüßen, von den Empfängern des Circulars eigene Aufnahmen des Mondes zu erhalten. Sie könnten im normalen Aufnahmeverfahren oder auch in CCD-Technik hergestellt worden sein. Er meint, man könnte diesen Aufnahmen eine Seite des Circulars widmen mit entsprechenden Angaben über die Ausrüstung, mit der sie gewonnen wurden.


Herr Tost berichtet anschließend und zeigt zunächst drei Mondbilder, die kürzlich als "Bild der Woche" erschienen sind:

  • Nr. 197 "Der große Mond am Horizont" zeigt den Vollmond knapp über dem Horizont.
  • Nr. 192 "Libration am Mondnordpol" zeigt jeweils einen Ausschnitt eines Bildes von André Nikolai und aus dem Berliner Mondatlas. Die Libration des Mondes ist dabei deutlich zu erkennen.
  • Nr. 206 "Mondmosaik" - das vollständige Bild von André Nikolai, das zur Verdeutlichung der Libration in Nr. 192 benutzt wurde. In dem zugehörigen Artikel wird darauf eingegangen, welche Schwierigkeiten es gibt, ein vollständiges Mondmosaik in einer einzigen Nacht fehlerfrei und vollständig zusammenzustellen.


    Danach hält Herr Tost einen Vortrag zu TLPs (Vorübergehenden Phänomenen auf dem Mond), der in dieser Form auf dem "24. Berliner Herbstkolloquium der Amateurastronomen" vorgetragen werden wird. (30.9.-2.10.2000)

    TLPs sind vorübergehende Phänomene, meist kurze "Blitze" , aber auch länger anhaltende Leuchterscheinungen, die meist von den vielen, vielen Amateurastronomen beobachtet werden. Diese Beobachtungen können optisch oder per Foto aufgezeichnet sein; über sie wird seit vielen Jahrhunderten berichtet. (Siehe dazu auch das Mondprotokoll 382)

    In Zukunft soll ein anderer Ansatz gewählt werden als bisher: Das Grundproblem lag bisher darin, dass Beobachtungen immer erst im Nachhinein gemeldet wurden, wobei das Ergebnis (bei visueller Beobachtung) nicht mehr reproduzierbar war oder eine Fotografie nur als Unikat vorlag. Hieran knüpfte sich bis jetzt immer die Suche nach möglichen Irrtümern an, die bei einer eventuellen Ermüdung des Beobachters begann und sich fortsetzte über mögliche Fehler in der Instrumentierung, zufällig vorbeifliegende Flugzeuge oder Satelliten etc.

    Es gibt drei grundsätzliche Möglichkeiten und eine Grundfrage zu TLPs:

  • 1. Meteoreinschläge.
  • 2. "Echte" TLPs; favorisierte Erklärung: Ausgasung und piezoelektrische Zündung.
  • 3. Beleuchtungsphänomene
  • 4. Gibt es permante Veränderungen auf der Mondoberfläche?

    Zu 1: Meteoreinschläge konnten erstmals durch mehrfache, voneinander unabhängige Beobachtungen zu den Leoniden 1999 auf Videofilm festgehalten werden. Impakte können nur zufällige Beobachtungen sein. Erhöhte Wahrscheinlichkeiten ergeben sich bei Auftreten von Meteorströmen. Diese können vorherberechnet und gezielt beobachtet werden. Problematisch ist, dass die "Aufschlagblitze" nur 1-2 Video-Frames lang andauern. Damit wird eine permanente Videoüberwachung des Mondes in voller zeitlicher Auflösung notwendig, was den zuvor geschätzten instrumentellen Aufwand für eine umfassende Videoüberwachung erheblich erhöht.

    Zu 2: An "echten" TLPs gibt es auch Interesse von "professioneller" Seite. Ausgasungsprozesse könnten die letzten Anzeichen von geologischer Aktivität auf dem Mond sein. Indizien sind der Nachweis von Gasen (Argon) auf dem Mond durch mehrere Mondmissionen und das gehäufte Auftreten von solchen Beobachtungen in geologisch instabilen Regionen, besonders an den Rändern von Maria. Dort können durch Spannungen verbliebene Gase durch Risse an die Oberfläche gelangen. Auf die zukünftige Auswahl von Mondmissionen hat dies ganz entscheidenden Einfluss: Eine Mondstation wird man nicht in eine eventuell geologisch instabile Gegend bauen. Eine automatische Rover-Mission wird man hingegen möglicherweise gezielt in solch eine Umgebung entsenden!

    Zu 3: Beleuchtungsphänomene können ebenfalls gezielt angegangen werden. Man muss zurückliegende TLP-Ereignisse untersuchen und feststellen, wann eine ähnliche Beobachtungsgeometrie wieder vorkommt. Dies ist z.B. nach einem Saros-Zyklus von 18 Jahren 10,33 Tagen der Fall, kann aber angenähert auch früher bereits eintreten. Zu diesen (vorherbestimmbaren) Zeitpunkten sollte man eine gezielte Beobachtungskampagne organisieren, und zwar nicht nur lokal, sondern national und auch international, da manche Ereignisse eventuell nur auf der anderen Erdhälfte zu beobachten sind.
    Die Meinung des Autors ist, dass es sich bei TLPs auf der beleuchteten Mondseite, die als punktförmige Moonblinks klassifiziert werden, lediglich um Beleuchtungsphänome handelt. Nur durch Reflektionen läßt sich erklären, warum diese Events praktisch immer dieselbe Größe und Form aufweisen. Ein Indiz, wenngleich auch kein Beweis dafür, ist ein echtes Beispiel eines TLPs, das eigentlich als TTP, ein Transient Terrestrial Phenomenon, bezeichnet werden müsste: zwei Bilder von der Abflugsequenz der Galileo-Raumsonde am 17. Dezember 1992, die die Erde und den Mond im Hintergrund zeigt. Auf dem rechten der beiden Frames ist ein "typisches punktförmiges TLP" auf der Erde zu erkennen, nämlich dort, wo sich in diesem Augenblick die Sonne auf dem Pazifik spiegelt.

    Um einen echten Nachweis eines durch Reflektion hervorgerufenes Mond-TLP zu erhalten, muss man gezielt alte TLP-Berichte auswerten und diese Stelle beim nächsten Auftreten mit gleicher Beobachtungsgeometrie vergleichen. Als günstige Beobachtungsmöglichkeit wird erneut auf den 9. Februar 2001 verwiesen, an dem dies mit dem Krater Torricelli B der Fall sein könnte.

    4. Gibt es permanente Änderungen auf der Mondoberfläche? Diese Frage ist einfacher zu klären als früher, da es mittlerweile zwei vollständige Kartierungen der Mondoberfläche gibt: 1966/67 durch die Luna-Orbiter-Sonden und 1994 durch Clementine.
    Die 38 Mio qkm Oberfläche müssen gezielt miteinander verglichen werden. Dazu könnte man ein gemeinsames Projekt von "Profis" und Amateuren aufbauen, das ähnlich funktioniert wie die Suche nach außerirdischen Signalen, seti@home. Die "Profis" müssten eine Datenbank aufbauen, in der sämtliche Bilder von Luna Orbiter und Clementine gespeichert sind. (Der rechentechnische Aufwand übersteigt bei weitem die Mittel eines Amateurs oder Amateurvereins). Die zahlenmäßig große Schar von Amateurastronomen und anderen Interessierten würden aus der Datenbank auf Anforderung jeweils Bilder einer ausgewählten Region von beiden Missionen erhalten und diese vergleichen. Die Datenmenge muss dabei klein sein; zum einen wegen der zu beschränkenden Datenmenge und zum anderen wegen der qualitativen Herausforderung, die der Vergleich zweier (oder mehrerer) Bilder erfordert; denn dieser Vergleich muss "mit dem Auge" erfolgen und kann ermüdend sein.

    Nur diejenigen Bilder, die Abweichungen zeigen, sollten dann "professionell" überprüft werden. Hier kann eine gezielte neue Kartografiemission zur Verifizierung herangezogen werden. Derzeit sind bereits vier neue Mondmissionen geplant, die dafür geeignet wären. Im Zuge einer weiteren Zusammenarbeit könnte man sogar während einer solchen laufenden Mission auf gezielt organisierte TLP-Beobachtungs-Events eingehen und eine sofortige gezielte Vergleichsaufnahme aus dem Mondorbit anordnen. Dazu ist ein vorheriger Kontakt zwischen den beteiligten Projekten und den TLP-Beobachtern nötig, der weit vor Beginn der Mission begonnen und etabliert werden muss.

    Wichtiger Bestandteil solcher Beobachtungen sind ein TLP-Alarm-Netzwerk, das weitere Beobachter aktiviert, die eine unabhängige Beobachtung zum Ziel hat. Die Britischen Mondbeobachter (BAA Lunar Section) haben ein Telefon-Alarm-Netzwerk ins Leben gerufen. Eine weitere modernere Form dieses Alarm-Netzes wäre die Unterstützung durch E-Mail und SMS-Messages auf das Handy, damit man auf jeden Fall erreichbar ist. Auch hier kann man sich rechtzeitig vorher um geeignete und kostengünstige technische Verfahren kümmern.

    In diesem Zusammenhang sollte erneut erwähnt werden, dass es mittlerweile eine ganze Reihe von (vollständigen) Datensätzen auch für andere Objekte gibt: Marsbilder, aber auch Daten von Meteorkampagnen, Veränderlichen, Sonnensatelliten, Kometen etc.


    Herr Voigt dankt Herrn Tost für seinen Vortrag und den Teilnehmern für ihre Diskussionsbeiträge und Aufmerksamkeit und schließt die Sitzung um 21.25 Uhr. Uhr.

    Die nächste Sitzung der GRUPPE BERLINER MONDBEOBACHTER findet statt am
    Montag, dem 9. Oktober 2000, um 20 Uhr im Seminarraum des Planetariums.

    gez. Bock, Tost, Voigt, zt


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