Eine kurze Geschichte der Berliner Astronomie und der Wilhelm-Foerster-Sternwarte


Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) erreichte mit Hilfe der Kurfürstin Sophie Charlotte im Jahre 1700 die Gründung einer wissenschaftlichen Stiftung in Berlin/Brandenburg, der "Berliner Societät" bzw. der "Societät der Wissenschaften", deren erster Präsident er wurde.

Sternwarte des Herrn von Kroseck,Kupferstich von Georg Paul Busch, 1710
Erster Astronom der Sozietät wurde Gottfried Kirch (1639-1710), der seine Beobachtungen auf der Privatsternwarte des Geheimrats von Kroseck durchführte. Kirch wurde dabei unterstützt durch seinen Sohn Christfried und seine Frau Maria Margareta (1670-1720), die u.a. den Kometen von 1702 entdeckte. Das Gebäude der Privatsternwarte stand bis 1905 in der Wallstraße des ehemaligen Berliner Stadtteils Neu Cölln. Dann mußte sie einem Bürogebäude weichen.
Der Königliche Stall und das Observatorium, Aquarell von L.L. Müller, 1824
Unter der Leitung der Sozietät der Wissenschaften wurde am Anfang des 18. Jahrhunderts die Berliner Sternwarte im dorotheenstädtischen Marstall eingerichtet. Am 15. Januar 1711 fand die erste Sitzung der Sozietät im fünfgeschossigen Turm in der Letzten Straße (ab 1822 Dorotheenstraße, 1949-1995 Clara-Zetkin-Straße, danach wieder Dorotheenstraße) statt. Die Sozietät wurde 1744 abgelöst von der durch Friedrich dem Großen gegründeten Preußischen Akademie der Wissenschaften.

Das zur Sternwarte gehörige Astronomische Institut finanzierte sich bis 1811 ausschließlich aus dem Monopol der Kalenderberechnung. In dieser Zeit waren u.a. Johann Bernoulli III. (1744-1807, Mathematiker und Astronom), der von Friedrich II. an die Berliner Akademie geholte Leonhard Euler(1707-1783, Mathematiker), Joseph Louis Lagrange (1736-1812, Entdecker der stabilen Punkte in den Umlaufbahnen zweier schwerer Körper, genannt Lagrange- oder Librationspunkte), Johann Heinrich Lambert (1728-1777, Gründer des Berliner Astronomischen Jahrbuchs 1774-1959), Johann Elert Bode (1747-1826, u.a. Entwickler des Sternatlas "Uranographia" von 1797-1801 mit 17240 Sternen, davon 1250 nach eigenen Beobachtungen) und Johann Franz Encke (1791-1865, Astronom) mit Astronomie an der Akademie der Wissenschaften beschäftigt. Encke war wie Bode und Bernoulli Direktor der Sternwarte.

Die neue Sternwarte in Berlin, Ölgemälde von Carl Daniel Freydanck (1811-1887), 1838
Encke folgte 1825 dem Ruf nach Berlin und forderte beim König den Bau einer neuen Sternwarte auf Anraten Alexander von Humboldts (1769-1859). Humboldt war Mitglied der Akademie der Wissenschaften und gilt als Begründer der populärwissenschaftlichen Bestrebungen in Berlin. Er setzte sich bei Friedrich Wilhelm III. erfolgreich dafür ein, daß Berlin die denkbar beste Sternwarte erhalten sollte mit der Auflage, an zwei Abenden in der Woche dem öffentlichen Publikum zur Belehrung und Anregung zu dienen. Durch Humboldts Einfluß auf den König kam Encke zudem in die Lage, einige teure astronomische Geräte, darunter einen neunzölligen Fraunhofer-Refraktor für 20000 Taler anzuschaffen. Architekt der Neuen Sternwarte zwischen der Kreuzberger Lindenstraße und Friedrichstraße nahe dem Belle-Alliance-Platz wurde Karl Friedrich Schinkel (1781-1841). Der zentrale Observatoriumsbau hatte ein eigenes, vom übrigen Gebäude unabhängiges Fundament und eine acht Meter durchmessende, drehbare Kuppel.

Am 24. April 1835 zog Encke mit seinem Mitarbeiter Johann Gottfried Galle (1812-1910, Astronom) in die Neue Sternwarte ein. Im Mai des gleichen Jahres bezog der aus Königsberg gerufene, in Minden geborene Astronom Friedrich Wilhelm Bessel (1784-1846) vorübergehend das "Magnetische Häuschen" auf dem Gelände der Sternwarte (s.o. am linken Bildrand). Bessel, der 1810-1846 Direktor der Königsberger Sternwarte war, gelang es 1838 zum erstenmal, mittels genauer Aberrationszahlen und trigonometrischer Parallaxenberechnung die Entfernung eines Fixsterns (61 Cygni mit 0.32" = ~10LJ) zu messen.

1837 entdeckte Encke die nach ihm benannte Enckesche Teilung innerhalb des A-Rings des Saturns. Galle entdeckte ein Jahr später den inneren, lichtschwachen C-Ring. Galle entdeckte außerdem auf Basis von Berechnungen des Pariser Astronoms Urbain Leverrier (1811-1877) den Planeten Neptun am 23. September 1846.

Daneben waren Berechnung, Beobachtung und Entdeckung von Planetoiden und Kometen wichtige Aufgaben der Neuen Sternwarte. So berechnete Encke die Bahn des nach ihm benannten Enckeschen Kometen, der von Pons entdeckt worden war und dessen rund 3,3 Jahre dauernde Umlaufbahn um die Sonne zwischen Jupiter und Merkur liegt. Die Sternwarte war bis 1913 in Betrieb und wurde nach der Stillegung sofort abgerissen. Der neunzöllige Refraktor gelangte in das Deutsche Museum in München, wo er heute noch zu besichtigen ist.

Karl Foerster, Wilhelm Foerster, Friedrich-Wilhelm Foerster, Foto um 1920
Encke stellte im Laufe der Jahre weitere Assistenten ein, so auch den in Grünberg geborenen und in Bonn gelernten Astronom Wilhelm Julius Foerster (1832-1921, promovierte über Polhöhenbestimmung mittels Passageinstrument und Fehlerrechnung, entdeckte 1860 mit Oskar Lesser den Planetoiden No. 62 Erato). Foerster war von 1865 bis 1903 Direktor der Berliner Sternwarte, außerdem ab 1868 Direktor der Normaleichungskommission, und ab 1875 Professor an der Berliner Universität. Er wurde allerdings nicht Mitglied der Akademie der Wissenschaften.

Astronom der Akademie wurde Arthur von Auwers (1838-1915), der ein Fundamentalsystem von Fixsternpositionen erstellte, Messungen der Sonnenparalaxe aus Venusdurchgängen durchführte und das Akademieprojekt "Geschichte des Fixsternhimmels" (1900-1965) mitbegründete.

1871 schlug Wilhelm Foerster die Errichtung einer Sonnenwarte vor, aus der 1879 das Potsdamer Astrophysikalische Observatorium wurde, das erste seiner Art. Erster Direktor des Astrophysikalischen Observatoriums wurde 1882 Hermann Carl Vogel (1841-1907), der 1887 die Dopplerverschiebung in den Sternspektren nachweisen konnte. Wilhelm Foerster gründete 1874 das Astronomische Recheninstitut (nach dem II. Weltkrieg in Heidelberg) und unter seiner Leitung der Sternwarte wies 1888 Friedrich Küstner (1856-1930) die unregelmäßigen, u.a. durch Erdkernverschiebung entstehenden Polhöhenschwankungen der Erde nach. Foerster richtete in diesem Zusammenhang den bis heute existierenden Internationalen Breitendienst ein, der als Zusammenschluß von mehreren Sternwarten über die Verschiebung der Erdachse wacht.

Urania Gebäude, Foto um 1900
Bamberg-Refraktor, Foto Einsporn, WFS, 1996
Wilhelm Foerster, der in seinen Anfangsjahren Assistent des greisen Alexander von Humboldts war, erbte von diesem die positive Einstellung zur Populärwissenschaft. So wurde 1888 unter der Anregung Foersters und unter finanzieller Mithilfe von Werner von Siemens die populärwissenschaftliche Einrichtung "Gesellschaft Urania" geschaffen. Das 1889 in Betrieb genommene Gebäude der Urania an der Invalidenstraße beheimatete die erste Volkssternwarte der Welt, die von Wilhelm Foerster und Wilhelm M. Meyer (1853-1910, Astronom, im Berliner Volksmund "Urania-Meyer" genannt) gegründet und geleitet wurde. Zu deren Ausstattung gehörte auch der von der Friedenauer Firma des Instrumentebauers Carl Bamberg hergestellte zwölfzöllige Refraktor. Er war anderthalb mal größer als der Refraktor der Neuen Sternwarte und der zu dieser Zeit zweitgrößte Refraktor Deutschlands.

Foerster besaß trotz seiner Stellung als preußischer Staatsbeamter die Eigenstädigkeit, Kritiker von Bismarcks Politik und kurz vor Ausbruch des ersten Weltkriegs mit Albert Einstein und anderen deutschen Wissenschaftlern Mitunterzeichner des Aufrufs an die Europäische Gemeinschaft zu sein. Er erlebte noch das Ende des Krieges und starb am 18. Januar 1921 in Bornim.

Friedrich S. Archenhold, Fred Archenhold, Günther Archenhold, Foto 1936
Erster Astronom der Urania-Sternwarte war ab 1889 Friedrich Simon Archenhold (1861-1939). Er richtete eine Außenstelle der Berliner Sternwarte im Grunewald ein, wo er den heute California-Nebel genannten Gasnebel nahe Xi-Persei 1891 entdeckte. Die Entdeckung wurde allerdings nicht als Neuentdeckung gewertet.

1894-1899 arbeitete Bruno H. Bürgel (1875-1948) an der Urania-Sternwarte. Er wurde später Verfasser populärwissenschaftlicher astronomischer Bücher.

Wegen der Querelen um den California-Nebel plante Archenhold, das lichtstärkste Teleskop der Erde zu bauen. Offiziell wurde diese Planung erstmals 1893 erwähnt. Er lag damit allerdings in Konkurrenz zum Potsdamer Astrophysikalischen Observatorium, das ebenfalls auf Mittel für ein Teleskop hoffte. Aus Spendengeldern baute Archenhold das bis heute erhaltene, längste Linsenfernrohr der Erde mit einer Brennweite von 21m in Treptow. Staatsmittel wurden ihm trotz Unterstützung der Pläne durch Foerster und anderer Physiker und Astronome, aber wegen Opposition durch Hermann C. Vogel verwehrt.

Holzbau der Archenhold-Sternwarte mit Fernrohr, Foto um 1900
Nach Überwindung vieler Schwierigkeiten nahm Archenhold im September 1896 zur Berliner Gewerbeausstellung im Rahmen einer eigenen Volkssternwarte das Teleskop in Betrieb. (Die Eröffnung war eigentlich schon für den Beginn der Gewerbeausstellung im Mai geplant gewesen.) Das zuerst provisorische Holzgebäude im Treptower Park wurde 1910 mit den Mitteln eines von Archenhold organisierten Baufonds durch ein Steingebäude ersetzt.
Berlin, Planetarium am Zoologischen Garten, Postkarte um 1930
1926 wurde das von Walther Bauersfeld 1924 entwickelte Zeiss-Planetarium am Bahnhof Zoo aufgestellt und am 17. November 1926 eingeweiht, das in der Folgezeit wie die Treptower Sternwarte für Schulvorführungen eingesetzt wurde. 1931 nach seinem 70. Geburtstag übergab Friedrich S. Archenhold das Direktorat seiner Sternwarte dem Sohn Günther Archenhold, der noch im gleichen Jahr die erste Astronomische Arbeitsgemeinschaft der Sternwarte gründete. 1936 ging die Treptower Sternwarte in den Besitz der nun nationalsozialistisch geführten Stadt Berlin über. Günther Archenhold konnte noch in die Schweiz immigrieren, seine Schwester und seine Mutter starben im Konzentrationslager Theresienstadt. Friedrich S. Archenhold starb 1939 kurz nach Ausbruch des II. Weltkriegs.

Vor und während des II. Weltkriegs kam die Astronomie in Berlin fast völlig zum Erliegen. Das Planetarium am Zoo und das Gebäude der Urania wurden im II. Weltkrieg zerstört. Die Archenhold-Sternwarte wurde zum Teil beschädigt.

Berlin, Wilhelm-Foerster-Institut, Foto 1947
Die Berliner Amateurastronome Hans Rechlin und Hans Mühle ließen 1947 in der Nähe des S-Bahnhofs Papestraße das Wilhelm-Foerster-Institut errichten. Dort wurde zunächst der Bamberg-Refraktor der Urania-Sternwarte aufgebaut. Die meisten anderen erhalten gebliebenen astronomischen Geräte der Urania-Sternwarte wanderten an das Babelsberger und das Treptower Observatorium. 1953 wurde die Wilhelm-Foerster-Sternwarte gegründet, deren erster wissenschaftlicher Leiter Adolph Kunert wurde. Nach dem Bau der Mauer existierte im Westteil von Berlin keine astronomische Großeinrichtung mehr und so wurde bis 1963 das von Hans Bassen konzipierte Observatoriumsgebäude auf dem Gipfel des aus Trümmern des II. Weltkriegs aufgeschütteten, 78m hohen "Insulaners" in Berlin Schöneberg nahe der S-Bahnstation Priesterweg erbaut und der Bamberg-Refraktor dort installiert. Bei der Einweihungsfeier war der 89jährige Biologe und Sohn Wilhelm Foersters, Karl Foerster, Ehrengast. Am 18. Juni 1965 wurde das neue große Zeiss-Planetarium am Fuße des Insulaners in Betrieb genommen.
Berlin, Planetarium am Insulaner, Foto -- jd --, Herbst 1995
Seit 1969 beheimatet die Sternwarte die Satelliten-Warte der Technischen Universität Berlin, von der aus u.a. auch mit dem am 17. Juli 1991 gestarteten TUBSAT-A Funkverbindung aufgenommen werden konnte. Ende der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts kam zum Bamberg-Refraktor ein computergesteuertes 75cm Zeiss-RC-Spiegelteleskop mit 5,8m Brennweite als zweites großes Teleskop hinzu, das aus Spendengeldern der Berliner Lotto-Gesellschaft finanziert wurde.
Berlin, Sternwarte auf dem Insulaner, Foto -- jd --, Herbst 1995

Bis 1990 wurde das Gebäude des Planetariums um ein ebenfalls aus Lotto-Geldern finanziertes Bibliotheksrondell erweitert, das im März 1990 eröffnet werden konnte und astronomiebezogene Literatur enthält, u.a. Herschels Nebelkataloge von 1786, 1789 und 1802.

Ende 1996 wurde der Bamberg-Refraktor abgebaut und von einer Jenaer Firma überholt und restauriert, um zur 50-Jahr-Feier der Wilhelm-Foerster-Sternwarte im Juli 1997 wieder zur Verfügung zu stehen. Diese lange hinausgezögerte Renovierung wurde wiederum durch Lotto-Gelder ermöglicht.


Quellen:

Eberhard Knobloch
"Astronomie" in "Wissenschaft in Berlin - Disziplinen"
Begleitband zur Austellung "Der Kongreß denkt"
Tilmann Buddensieg, Kurt Düwell und Klaus-Jürgen Sembach (Hrsg.)
Gebr. Mann-Verlag 1987

Hans-Werner Klünner, Helmut Börsch-Suppan
"Berlin Archiv"
"Hauptstadt des Brandenburgischen Kurstaates", B02011
"Stadt der Preußischen Könige", B03073
"Unter bürgerlicher Selbstverwaltung", B04123
Archiv Verlag 1985

Dr. Karl-Friedrich Hoffmann
"30 Jahre Planetarium am Insulaner"
in "AllZeit 3'95"
Wilhelm-Foerster-Sternwarte e.V. Berlin 1995

Wolfgang Meyer, Jochen Rose
"Die Bibliothek der Wilhelm-Foerster-Sternwarte e.V."
in "Veranstaltungen im März, April, Mai 1992 mit Himmelskalender"
Wilhelm-Foerster-Sternwarte e.V. Berlin 1992

Prof. Dr. Dieter B. Herrmann
"Blick in das Weltall - Die Geschichte der Archenhold-Sternwarte"
Paetec Ges. f. Bildung und Technik, 1. Auflage, Berlin 1994